Kolumnentexte, die weder FAZ noch die Zeit haben wollten PDF  | Drucken |  E-Mail
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Mittwoch, den 16. Oktober 2013 um 19:08 Uhr

Zeit

Zeit ist relativ. Die Zeit vergeht relativ unberechenbar.

Für mich ist jetzt Zeit zu schlafen. Letzte Nacht verging wie im Flug. Ich habe vielleicht sieben Stunden im Reich der Träume verbracht. Es ist 6.35 Uhr und ich bin mit der 66 auf dem Weg zur Arbeit. Um diese Zeit ist es schön hell. Diese Nacht hat es geregnet. Es gibt frische Luft und langsam verflüchtigen sich die Wolken und man kann die Sonne erahnen. Die Jahreszeit ist in Ordnung, Ende Juli kann man mit leben.

Es ist Zeit zu essen. Ich habe Hunger bzw. Appetit. Wer weiß, was das für Gefühle sind um diese Uhrzeit. Unmenschlich ist das. Ich hätte bis um 8.00 Uhr schlafen sollen. Bis um acht verbringe ich jetzt die Zeit in der Bahn bis zur Arbeit und dort schlage ich neun Stunden tot bis ich wieder nach Hause und schlafen kann, damit wieder alles von vorn los geht.  Ich schaffe nichts.

Die Apathie, die ich während der Arbeit an den Tag lege, beginnt in der Bahn. Die Zeit ist das Mittel zum Zweck. Sie scheint endlos. Deswegen wird sie einem genommen.

Die Bewegung durch den Raum lässt alles altern. Ich spüre es am eigenen Leib – zeitnah – wenn die Bahn durch einen Tunnel fährt wie durch ein Wurmloch. Ich erreiche die nächste Haltestelle und schon wieder sind im Nullkommanix zwei/drei Minuten vergangen, ohne dass etwas geschehen ist, ohne dass ich etwas wertvolles tun konnte, eine Sache ausgiebig zu Ende denken konnte, meinen Hunger oder Appetit stillen konnte, ohne dass jemand etwas dagegen getan hat. Die Zeit ist nicht unberechenbar, sie ist unbezwingbar, unbezwingbar im Alltag des Zwangs – aufstehen, losfahren, abstottern, essen, nach Hause, schlafen, aufstehen...

 

Zeit II

Man sollte sich öfter Zeit für etwas nehmen, für Kunst, für Sport, für sich selbst, für andere, nur nicht für den Arbeitgeber. Man sollte sich Zeit für ein ausgiebiges Essen nehmen, es selbst zubreiten, selbst alle Zutaten kaufen und sie verarbeiten. Man sollte sich Zeit für ein ausgiebiges Essen nehmen, ein schönes Restaurant ausfindig machen und es genießen sich bedienen zu lassen, ohne an Abwasch und Aufräumen zu denken, das nur kostbare Zeit kostet. Vielleicht sollte man sich sogar Zeit für die Zeitersparnis nehmen, aber nur wenn es wirklich etwas bringt. Sonst gerät man immer tiefer in den Teufelskreis und ehe man es sich versieht, sitzt man steinalt in der Bahn und bekommt nicht mit, dass der Zug schon abgefahren ist.

Ich warte. Ich verschwende. Ich altere. Ich verlasse mich auf andere. Ich verlasse mich auf öffentliche Verkehrsmittel.

Die Bahnen verschwinden in den Tunneln, tauchen daraus wieder auf, tun so als wäre nichts gewesen, als könnten sie kein Wässerchen trüben, bewegen Menschenmassen von A nach B, von früh bis spät. Man lässt sich mitschleifen, gleiten, wie in einem Rausch, ohne nachzudenken, ohne sich selbst zu bewegen. Man lässt sich treiben, von A nach B, von früh bis spät, ohne auf die Uhr zu sehen. Das ist nicht nötig. Ständig wird man mit Zeiten beschallt, bekommt sie in vielfacher Ansicht um den Kopf geknallt, als gäbe es nichts wichtigeres jede Minute genau anzusagen, jede halbe Stunde darauf aufmerksam zu machen, dass gerade weiter 30 Minuten vergangen sind, jede Stunde irgendwelche Nachrichten über Nichtigkeiten verlauten zu lassen, über Kriege zu berichten, neuester Kinderschändungen.

Aber das vergeht und man wird vergessen, vergessen wie man verschwendet hat und gealtert ist bis die Zeit für einen abgelaufen ist.

 

Er und Sie

Ich wohne mit diesem Mann zusammen, diesem Mitbewohner, diesem Freund.

Ich war stets jemand, der die These verfochten hat, dass wir alle vor allem Menschen sind, also ein gewisser Teil bei allen immer gleich ist. Schließlich sind wir genetisch gesehen zu 99,9 % identisch.

Dann wurde ich älter. Wer hätte gedacht, dass die Unterschiede so gravierend sind?! Ich und mein Mitbewohner, wir mögen uns zwar, aber verstehen wir uns? Manchmal kommt mir die Entfernung unendlich vor. Neuestes Beispiel: Ich habe ihm auf einen Zettel geschrieben, dass wir Taschentücher und Toilettenpapier brauchen und Pfand und Glas weggebracht werden müssen. Taschentücher und Toilettenpapier hat er sogar (noch am selben Tag!) besorgt, Pfand und Glas aber liegen lassen, dafür Küchenrolle geholt, die ich die Woche davor schon angeschafft hatte.

Was ist hier passiert?

Meine Schrift konnte er ja lesen. Den Zettel habe ich unweit von Küche und Bad aufgehangen. Unsere Wohnung ist nicht sehr weitläufig. Was hat ihn also irritiert oder gehindert? Hat er zu viel gedacht und zu wenig gelesen? War er zu faul und zu ignorant? Oder ist meine Botschaft teilweise verschütt gegangen? Habe ich mir nur eingebildet Besagtes aufgeschrieben zu haben? Als ich nach Hause kam, war der Zettel verschwunden. Es wird wahrscheinlich ein Rätsel bleiben, genau wie seine Badputzkunst, denn der geflieste Boden scheint seiner Ansicht nach nicht zum Raum dazuzugehören, genau so wenig wie der kleine Wandbereich zwischen Waschbecken und Brettchen unter dem Spiegel, das mit Zahnpastaspitzern übersäht ist.

Vielleicht passen Männer und Frauen nicht zusammen. Vielleicht ist Heterosexualität ein Witz der Natur. Vielleicht will er mich nur in den Wahnsinn treiben. Vielleicht bleibt dieses Rätsel wirklich ungelöst.

 

Zähne

Wenn man Mangelerscheinungen hat, gehen einem die Zähne kaputt, Haare fallen aus, Nägel wellen sich. Man sieht also wie ein Junkie aus. Und wenn diese Erscheinungen eintreten, ist es im Innern schon am Modern? Wenn die Zähne langsam braun werden, wie sieht dann wohl die Leber aus oder der Darm oder die Galle oder der Blinddarm? Ich weiß nicht mal, wie die im „Normalzustand“ aussehen. Wenn die Zähne braun werden, sie aber nicht schmerzen, muss ich mir dann Sorgen machen? Es kann doch schließlich auch sein, dass ich mir den Zahnschmelz abgekratzt habe. Ich muss so oder so zum Zahnarzt. Mal sehen, was der sagt... Beschwerden treten nur auf, wenn zu viel Alkohol an die Zähne kommt und viel Zucker währenddessen dazukokmmt. Wenn ich aber den Zucker vermeide und ein Trinkröhrchen benutze, sodass direkter Kontakt vermieden wird, habe ich beim Zähneputzen hinterher auch keine Probleme. Wenn Schmerzen so einfach also umgangen werden können, kann ich auch den Mangel umgehen, denn ich bin nicht eingeschränkt. Ich kann nur nicht ungehemmt lachen. Das sieht schon eklig aus. Ab und zu schmecke ich Blut. Das kann auch vom Zahnfleisch kommen. Vor Kurzem habe ich geträumt,  dass sich mein Zahnfleisch langsam auflöst. Die Zähne war nur am Zahnfleisch und nicht am Kiefer befestigt, somit hatte ich auch im Traum keine Schmerzen. Aber das sich lösende Zahnfleisch mit Lücken, sodass fast alles abgefallen wäre, sah schon gruselig aus. Na, mein Zahnarzttermin ist ja in einer Woche. Der wird das schon richten. Ich kralle mich in den Sitz. Dann ist alles wieder gut. Was kann ich gegen neue Zähne schon einzuwenden haben?